[Atmosphäre] Der Amir ist fort

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Offline Svend

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« am: Januar 12, 2020, 22:24:20 »
Es war tief in der Nacht, als der Amir die Siedlung verließ. Einfach so. Von heute auf morgen war Tulaf Jahanshar, Amir Bey der Kolonie Tel Avadi fortgegangen. Er hatte sich nicht verabschiedet, von wem auch? Das menschliche Meerschweinchen hatte sein Privatleben in den hinteren Kammern des Amirpalasts komplett für sich behalten. Möglicherweise gab es dort eine Verabschiedung.

Die Gerüchteküche kochte über.

"Man hat ihn wegen Korruption zum Hof des Sultans berufen!", wurde laut in den Gassen von Tel Avadi. Doch ob das stimmte?

"Er wurde zum Sultan gerufen. Endlich haben sie erkannt, dass seine Verbannung damals ein Fehler gewesen ist!", behaupteten sofort andere Stimmen.

Doch was entsprach nun der Wahrheit? Wer sich genauer umhörte, der konnte schnell herausfinden, dass die Gerüchte um angebliche Korruption oder Verbrechen des Amirs von Unzufriedenen kamen.

Ein reisender Händler der aus der Hauptstadt kam wusste nämlich eine andere Geschichte zu erzählen:

"Er war doch mal der aufgehende Stern am Sultanshof. Dann haben sie ihn abgesägt, diese Enkel der Kurzsichtigkeit! Wenn der Sultan, lange möge er in Frieden leben, damals schon die Wahrheit gewusst hätte, unser barmherziger Baal hätte ihn nie fortgeschickt! Ich war dort, ich habe es gesehen! Die Verbrecher sind hingerichtet worden, die, die ihn damals ausstechen wollten. Sie haben sich vom Gold unseres geliebten Herren, des allmächtigen Sultans, bedient, haben im Harem seine Frauen unsittlich berührt, seine Sklaven ohne Anstand geprügelt und versucht das Sultanat ins Chaos zu stürzen! O mögen sie und alle ihre Nachkommen dafür tausend Jahre lang Unglück und Misslingen erfahren! Doch unser Sultan, weise und erhaben wie er ist, ließ Tulaf Jahanshar zurück an seinen Hof rufen!"

Und nun? Was bleibt Tel Avadi? Eine Botschaft, aufgehängt am schwarzen Brett, aus der Feder des Amirs.

"Meine treuen und guten Stadtbewohner!
Ich habe euch nie Untertanen nennen wollen, denn wir leben in Freundschaft zueinander und nicht im Zwist. Ich war nie euer Herr, denn für mich wart ihr wie die vielen Söhne und Töchter, die ich bisher nie haben konnte. Ich habe versucht euch jeden Wunsch zu erfüllen und es genossen zu sehen, wie ich immer weniger gebraucht wurde, seid doch ihr, ob geboren im eisigen Norden der östlichen Königreiche oder im sonnenverwöhnten Sultanat, so findig und so ideenreich, dass es mir eine helle Freude war. Euch alle liebe ich wie mein eigenes Fleisch und Blut. Deshalb erfüllt es mich mit so großer Traurigkeit Euch zu verlassen, dass ich Tränen vergießend den Weg zum Hof des großen Baal antrete. Doch wenn diese Welt gerecht ist, meine Freunde, meine lieben, treuen Freunde, werden wir uns wiedersehen. Bis dahin übergebe ich die Regierungsgeschäfte meinem fähigen und blitzgescheiten Neffen Jassin Hal'fadat, dem ihr gewiss genau so klug und sicher zur Seite stehen werdet, wie ihr mir zur Seite gestanden habt.

Ich werde euch alle niemals vergessen. Hätte ich doch nur genug Tinte, ich würde jedem einzelnen von Euch persönlich danken!

So lebt nun Wohl, aufdass ihr und alle eure Nachkommen in niemals endender Gesundheit, Freude und in grenzenlosem Reichtum leben werdet, aufdass ihr das Andenken an unsere gemeinsame Zeit so wertschätzen werdet, wie ich es tun werde. Aufdass wir uns wiedersehen und die glücklichsten Tränen der Freude vergießen werden, während wir uns umarmen.

Tulaf Jahanshar, Großwesir seiner Exzellenz des Sultans von Tel Abim, dessen Weisheit von Niemandem erreicht werden kann."
Gnothi seauton!

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